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Die wilden Wracks Bornholms

TEKST: SARA B. GILDBERG FOTO: ANDERS BEIER

Am 4. März 1890, in der Nacht, schlugen hohe Wellen vom Dunkel des Meeres gewaltig gegen die Felsenküste, da ein eiskalter Schneesturm vom Südwesten über die Ostsee hämmerte und Bornholm traf. Ein paar Tage nach dem Sturm trieb ein einsamer Rettungsring ruhig an Land an der schwedischen Küste. Auf dem Ring stand „Jarl“.

Das Dampfschiff S/S Jarl war ein Fracht- und Passagierschiff, 1885 auf der Werft in Helsingør als Auftragsarbeit der Dampfschiffgesellschaft Ostbornholms in Nexø gebaut. Das Dampfschiff war dazu gebaut worden die engen Häfen mit geringer Tiefe Ostbornholms anlaufen zu können um hier sowohl Passagiere, Güter als lebende Tiere mitnehmen zu können.

Man weiẞ nicht mit Sicherheit was in der Nacht 1890 passiert ist, als das Dampfschiff S/S Jarl auf der Fahrt von Allinge nach Kopenhagen mit 26 Menschen, über 100 Schweinen, 35 Stück Vieh und einer Stückgutladung von etwa 9000 Kilo verschwand. Niemand konnte erzählen, was für ein Szenario sich in der kalten Nacht auf dem Schiff abspielte, als das 39 Meter lange Dampfschiff unterging. Niemand kannte die genaue Position zu dem Zeitpunkt des Unterganges, und keiner der ums Leben gekommenen Menschen wurde jemals gefunden. Das Ereignis ist ein Geheimnis geblieben, und S/S Jarl ist für die Nachwelt als „Bornholms Titanic“ bekannt.

Mehr als 120 Jahre lang lag das Wrack wie ein stilles Grabmal auf dem Boden der Ostsee und hielt die Erzählung von dem tragischen Untergang eines Schiffes geheim. Ein Unglück das über Generationen hinweg Familien in Ungewissheit hinterlieẞ. Erst 2014 gelang es zwei lokalen Freizeittauchern, Lars Philipsen und Jesper Munk, das Wrack zu identifizieren, 52 Meter unter der Wasseroberfläche.

S/S Jarl – Kurs auf Kopenhagen

Am 4. März 1890, kurz vor Mitternacht, wird S/S Jarl von der Dampfschiffgesellschaft Ostbornholms aus dem Hafen in Allinge gesteuert. Kapitän Davidsen und die Besatzung sind früher am Abend in Gudhjem gewesen um zu laden. Während des Einfahrens in den Hafen in Gudhjem fährt das Schiff ein paar Male auf den Boden, teils wegen des Niedrigwassers und teils wegen der schweren Ladung. Allem Anschein nach ist kein Schaden auf dem Schiff geschehen, das zurück nach Allinge fährt. Von Allinge hätte S/S Jarl anschlieẞend an der Westküste Bornholms entlang nach Hasle fahren sollen um noch mehr Ladung an Bord zu nehmen, aber die Häfen der Westküste sind wegen des starken Windes geschlossen. Die Ladung von Hasle wird deswegen auf dem Landweg nach Allinge gefrachtet, wo diese und die 14 Passagiere samt 12 Besatzungsmitgliedern eingeschifft werden.

Während das Schiff in Allinge geladen wird, bekommt Kapitän Davidsen einen kurzen Besuch von dem Expedientenassistenten Erik Bohn. Sie sprechen zusammen in der Kajüte des Kapitäns, und Erik Bohn berichtet später, dass der Kapitän abwesend und nervös wirkte – als hätte er eine beunruhigende Vorahnung. Sowohl der Kapitän Davidsen, der Steuermann Karl A. Hansen als die übrigen Besatzungsmitglieder des Schiffes sind zahllose Male seit dem Stapellauf des Schiffes 1885 von Bornholm nach Kopenhagen gefahren – auch bei starkem Wind. Und der weiẞe Sturm aus dem Südosten, der im Laufe dieses Abends das Wasser der Ostsee zu gewaltigen, hohen Schaumgipfeln und tiefen Tälern peitscht, erregt offensichtlich nicht so viel Besorgnis, dass man die Fahrt verschiebt. Vielleicht weil Allinge auf der nordöstlichen Seite der Insel in Lee liegt, und niemand kann die Stärke des Unwetters voraussehen, das in dem berüchtigten „Hammerwasser“ vor der Nordspitze Bornholms lauert.

Im Dunkel verschwunden

Die herumtreibenden toten Schweine sind die ersten Warnungen von der grausamen Tragödie auf dem Meer. Am 5. März früh am Morgen sehen lokale Fischer tote Schweine, Vieh und Treibgut längs der Nordküste Bornholms. Ungefähr gleichzeitig wird eine Suchmeldung gebracht, weil S/S Jarl den Hafen in Kopenhagen nicht wie geplant angelaufen hat. Angesichts dieser Suchmeldung wird das Dampfschiff „Erna“ – auch von der Dampfschiffgesellschaft Ostbornholms – von Nexø zu der Gegend nördlich von Bornholm geschickt um nach S/S Jarl zu suchen. Am 9. März 1890 kommt aber „Erna“ zurück nach Nexø mit der Flagge auf halbmast und einer Kiste mit toten Truthühnern an Bord. S/S Jarl ist spurlos von der Ostsee verschlungen worden. Nur leblose Tiere, die auf der Wasseroberfläche schaukeln, zeugen von der Tragödie, die in dem vor Kurzem so gewaltsamen Gewässer bei „Hammerknuden“ stattfand.

 

Jubel unter der Wasseroberfläche

Ende Oktober 2012 ziehen zwei lokale Sporttaucher, Lars Philipsen und Jesper Munk, die Taucherausrüstung an und bewegen sich wie so oft in die Ostsee vor „Hammerknuden“ hinaus. Nach mehreren Jahren Suche, Research und Nachforschung der überlieferten Berichte der lokalen Fischer und der Familien der ums Leben gekommenen Personen, tauchen sie wieder ins Wasser, getrieben von einem beharrlichen Traum, S/S Jarl zu finden. In dem trüben Wasser über dem schlammigen Meeresgrund nähern sie sich an dem Tag dem groẞen Dampfschiff, sind sich aber nicht sicher, was sie gefunden haben. Das Wrack ist mitgenommener als erwartet, aber vor allem ist es für die beiden erfahrenen Taucher schwierig zu glauben, dass es ihnen wirklich gelungen ist das sagenumwobene Dampfschiff S/S Jarl zu finden. Doch gibt es mehrere Observationen, die in ihnen die Hoffnung nähren, dass es tatsächlich S/S Jarl ist, das sie gefunden haben. Das Schiff hat einen speziellen Rumpf: es ist schmal und relativ lang im Verhältnis zur Breite.

Mehrmals tauchen sie zum Wrack hinunter, in die Dunkelheit der Ostsee, 52 Meter unter die Oberfläche des Meeres. Das eine Mal finden sie die Nabe des Steuerrads unter den Schiffsplanken. Beim Reinigen der Nabe des Steuerrads sehen sie das Baujahr des S/S Jarl 1885 darin eingraviert. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass andere, ähnliche Wracks mit demselben Baujahr im Gewässer um „Hammeren“ liegen sollten, ist unendlich gering, und in Kombination mit andern Gegenständen, die sie finden, sind sie überzeugt, dass sie endlich S/S Jarl gefunden haben. Lars Philipsen erinnert sich, dass er so laut wie es unter Wasser nur möglich ist aufgejauchzt hat – auf dem Boden der Ostsee – mit Blasen aus dem Mund:“Wo-hoo! Donnerwetter! Mission erfüllt!“ Denn sogar allein auf dem Meeresboden mit schlechter Sicht und unter enormen Wassermengen ist es schwierig die Begeisterung zu dämpfen.

Auch das Vieh, das mit dem Schiff unterging, war Teil der Identifizierung von S/S Jarl „Wir sahen die leuchtend weiẞen Schädel des enthornten Viehs. Man enthornte damals das Vieh, damit die Tiere einander nicht Schäden zufügen sollten, wenn sie so nah neben einander in dem Laderaum standen“, erzählt Lars Philipsen, „es ist heute gar nicht zu ertragen, sich den Lärm und das Chaos unter den Tieren an Bord vorzustellen, als das Dampfschiff damals in den groẞen Wassermengen vor „Hammeren“ lag.“

Als Lars Philipsen und Jesper Munk S/S Jarl fanden, entdeckten sie unter anderem auch, dass das Steuerruder weg war. Trotz energischem Suchen ist es nie aufgefunden worden. „Wir wissen ja nicht, wo oder warum es abgefallen ist. Vielleicht ist es bei dem vorausgehenden Auflaufen beschädigt worden, das, wie wir wissen, bei Gudhjem stattgefunden hatte.“, sagt Lars Philipsen und geht weiter:“ Mit einem gebrochenen Ruder ist es im Sturm unmöglich gewesen das Schiff zu steuern, und das erweist sich als fatal.“

Die Vielfalt der Ostsee

Die exakten Koordinaten der Lage des Schiffes S/S Jarl bleiben geheim, aus Respekt davor, dass es die letzte Ruhestätte der Opfer ist. Das Dampfschiff liegt friedlich auf dem Meeresgrund, umgeben vom Tierleben, als ein Teil von der Vielfalt der Ostsee. Aber im Gewässer um Bornholm liegen Hunderte von anderen wilden Wracks, die wie S/S Jarl fantastische Geschichten erzählen könnten. Wegen des besonders niedrigen Gehalts der Ostsee an Mikroorganismen sind die meisten Wracks auẞergewöhnlich intakt. Das bedeutet unter anderem, dass sie selten mit Algen zugewachsen sind, und dass die Materialien gut erhalten sind. Sie liegen sichtbar und zugänglich für die Freizeittaucher. Und es handelt sich nicht nur um alte Wracks wie z.B. den Schoner „Affaire“ aus dem 19. Jahrhundert, der bloẞ eine Seemeile von Årsdale entfernt liegt, und eher wie die Dekoration eines Aquariums auf dem Boden steht. Oder das Schiff „Ada“ von 1867, das bloẞ 0,7 Seemeile von der alten Handelsstadt Svaneke liegt, und das mit dem Laderaum voller Leinsamen leckschlug -mit dem Ergebnis, dass die Leinsamen aufquollen und das Schiff sinken lieẞen. Im Meer um Bornholm liegen viele verschiedene Wracks, auch neueren Datums. Zu den beliebtesten Tauchzielen gehört das 76 Meter lange russische U-Boot der „Whiskey“-Klasse, das 3 Seemeilen vor Hasle liegt. Das U-Boot versank 1989 unterwegs zur Verschrottung in Nakskov. Es wurde später als das „Whiskey“-Wrack bekannt, und man kann, wie bei so vielen anderen Wracks, die volle Konstruktion sehen, so wie es da auf dem Boden liegt.

Die Ostsee um Bornholm bietet groẞe Erlebnisse und Erzählungen unter der Wasseroberfläche. Tritt man dem lokalen Taucherverein Calypso bei, oder nimmt man an einem der vielen Taucherkursen teil, kann man ins Wasser tauchen und die vielen Wracks um Bornholm erforschen. Und fragt man Lars Philipsen, gibt es um Bornholm ungefähr das beste Wasser zum Tauchen in ganz Dänemark. „Um Bornholm ist das Wasser fast das ganze Jahr klar und mit recht guter Sicht. Man kann fast immer, bei allem Wetter, irgendwo auf der Leeseite der Insel ins Wasser kommen.“

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