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Licht ins Dunkel

Bornholmer Leuchttürme

Text: Dorthe Lind Thornton / Pernille Koch Laursen

Foto: Anders Beier


Es ist allgemein bekannt, dass die Fischer auf Bornholm ganz bewusst das Schwimmen nicht gelernt haben. Es war leichter zu ertrinken, wenn man sich nicht wehren konnte. Das sind die harten Realitäten, mit denen die Fischer Jahrhunderte lang leben mussten, und die einen tiefen Respekt vor dem Meer verlangten. Das Meer war ihr Arbeitsplatz; ein launischer Machthaber, der sie an Tagen, wo das Wetter sonnig und ruhig war, ihr Lebensgrundlage aus dem Wasser ziehen lieẞ, um sie dann am nächsten Tag gnadenlos mit dem Leben für die Fische bezahlen zu lassen.

Besonders im Mittelalter waren Heringsmärkte eine groẞe Industrie auf Bornholm, und es war erforderlich auch nachts zu fischen. Wenn es dunkel wurde, und der Nebel sich manchmal dicht um das Boot legte, war es schwierig zu beurteilen, wo man sich in Bezug auf die Küste befand, und wie man wieder sicher an Land kommen konnte. Man brauchte etwas, um in der Dunkelheit navigieren zu können. Man nimmt an, dass der erste Leuchtturm auf Bornholm im Mittelalter genau in Verbindung mit den Heringsmärkten in Anwendung gebracht wurde. Man stellte sogenannte Feuerblüsen auf, die eigentlich bloẞ ein Feuer auf einer Hügelkuppe waren, und man weiẞ, dass es auch so ein Feuer auf Hammeren gab. Später wurden die Feuerblüsen verbessert; sie wurden z.B. auf gemauerten Anhöhen errichtet, an manchen Stellen mit besonderer Dekoration, und sie nahmen den Charakter eigentlicher Leuchtfeuerstellen an. Man zündete aber die Feuerblüsen nur an, wenn es nötig war. Nicht zur Freude und zum Nutzen aller, sondern nur für bestimmte Seefahrer zu bestimmten Zeitpunkten. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum es selbst dem hartgesottensten Seebären kalt über den Rücken läuft, wenn er die zahlreichen Punkte sieht, die man auf alten Seekarten mit Aufzeichnungen von Schiffsuntergängen rund um Bornholm sehen kann. Die Punkte markieren gestrandete Schiffe, totale Untergänge und Fälle von ertrunkener Besatzung. Der Meeresboden um Bornholm ist gefährlich.

Im Laufe der Zeit hörte man mit Feuerblüsen allmählich auf; sie wurden von eigentlichen Leuchttürmen ersetzt, wie wir sie heute kennen. Schwimmende Leuchttürme in Form von Feuerschiffen entstanden und wurden dort benutzt, wo ein Leuchtturm benötigt aber schwierig zu bauen war. Holzbrennstoff wurde auẞerdem durch Kohle, Kerzen und Öl ersetzt, und im Laufe der Zeit experimentierte man damit, die Qualität des von den Leuchttürmen ausgestrahltes Lichtes zu verbessern. 1815 erfand der französische Physiker Augustin Jean Fresnel die bis heute effizienteste Linse für Leuchttürme, die die Lichtstärke um das 350-fache verstärken konnte. Aber selbst das stärkste Licht wird bei dichtem Nebel, Regen und Schneefall gedimmt – genau unter den Wetterbedingungen, bei denen Seezeichen am dringendsten benötigt werden. Man griff daher auch zu einer Notlösung; und zwar ein sehr lautes und regelmäẞiges Geräusch. Viele Leuchttürme sind im Laufe der Zeit mit kräftigen Schallgebern, wie z.B. Glocken, Nebelhörnern, Sirenen und, in einer Periode, sogar Kanonen ausgestattet.

Der erste Leuchtturm auf Bornholm wurde Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut, und seitdem sind viele weitere hinzugekommen. Obwohl sie immer noch eine wichtige Rolle dabei spielen, Schiffsführern beim Navigieren in den Gewässern rund um Bornholm zu helfen, werden heute viele andere Formen der Navigation benutzt. Viele Leuchttürme sind automatisiert worden, und inzwischen haben mancherorts Radar, Funk, Sonar und Satellitennavigation auch die Funktion des Leuchtturms selbst ersetzt. Die Bornholmer Leuchttürme, die noch in Betrieb sind, leuchten jeden Tag, aber viele sind geschlossen worden. Zum Glück hat man den Wert verstanden, den die Leuchttürme als historische Bauwerke haben, und vielerorts sind Vereine zu deren Erhaltung gegründet worden. Mancherorts sind die hohen, treuen Wegweiser sogar offen für Besucher – auch auf Bornholm, wo es heute rund 60 Leuchttürme gibt. Die meisten sind so klein, dass man sie kaum wahrnimmt, aber andere sind bedeutend und als Ausflugsziele zu betrachten.

Der erste richtige Leuchtturm auf Bornholm, Hammershus Fyr, wurde 1802 gebaut. Er befand sich auf Stejlebjerg – auf Hammerknuden auf Nordbornholm – und war ein rund 8 Meter hoher, sechskantiger Leuchtturm mit Laternenfeuer. Im Laufe der Zeit wurde er durch einen höheren Leuchtturm auf Ørnebjerg, ebenfalls auf Hammerknuden, ersetzt, der Hammeren Fyr genannt wurde. Hier konnte der Leuchtturm für die vorbeifahrenden Schiffe einen entscheidenden Unterschied machen, wenn sie auf der Ostsee in einen Sturm gerieten. Bei Hammerknuden konnten sie nämlich entweder im Osten oder im Westen hinter der groẞen Felsenformation Windschutz suchen. Die Lage auf dem vom Wind umsausten und einsamen Felsen war für den Zweck ideal. 92 Meter über dem Meeresspiegel sollte der Leuchtturm leuchten. Er wurde aus Granit gebaut, der in der Gegend abgebaut wurde. Der Baumeister, Christian Wienberg, der zur Insel kam, um den Leuchtturm zu bauen, war nämlich so begeistert von dem einzigartigen, rötlichen Hammergranit, dass er als Baumaterial auf die ursprünglich vorgesehenen Backsteine verzichtete. Diese Entscheidung beeinflusste die Formgebung der Leuchttürme, die er später im ganzen Land baute, welches Hammeren Fyr zu etwas ganz Besonderem in der Architektur macht. Der Leuchtturm leuchtete zum ersten Mal am 1. März 1872 und bis 1990, als er aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wurde. Seit 2011 leuchtet er jedoch als „historisches Licht“ wieder. Der jetzige Bewohner der alten, ursprünglichen Wohnung der Leuchtturmwärter, Niels-Jørn Jensen, ist ein autodidaktischer Historiker und leidenschaftlicher Leuchtturm-Enthusiast. Auf organisierten Touren gibt er gerne sein Wissen weiter, und den ganzen Sommer über kann man gratis den Leuchtturm besichtigen. Das Areal rund um den Leuchtturm ist eingezäunt, so dass Schafe und Ziegen im Rahmen der Landschaftspflege frei grasen können. Man kann gerne das Gehege durch die Tore betreten, welches absolut zu empfehlen ist. Den Sonnenuntergang von einer abgerundeten Felsenfläche zu betrachten ist ein ganz besonderes Erlebnis. Von dort hat man einen Blick auf das Meer und die Klippen in einer Natur, die an die schottische Heide erinnert.

Auf Südbornholm liegt die stimmungsvolle Stadt Svaneke. Die Fischer in Svaneke mussten lange kämpfen, um ihren Leuchtturm zu bekommen, aber 1920 wurde ein mit Sandstein bekleideter Leuchtturm auf einer Schanze auf Sandkås Odde neben Hullenakke Hafen (heute bloẞ Hullehavn) errichtet, einem Naturhafen, der von den damaligen Fischern häufig benutzt wurde. Der Leuchtturm war von entscheidender Bedeutung für die Fischer, die bei Dunkelheit nun ein Licht hatten, das sie ansteuern konnten, und bei Nebel auch eine Sirene, nach der sie sich orientieren konnten. Beim Bau des Leuchtturms legte man groẞen Wert darauf, dass das Areal um den Leuchtturm herum ein Erholungsgebiet für die Einwohner von Svaneke sein sollte, in der man entlang der Küste und in dem damals neu gepflanzten Wald spazieren gehen konnte. Es ist nicht möglich, in gleicher Weise den Leuchtturm von Svaneke von innen zu erleben, es sei denn, man mietet ein Zimmer in der privaten Mietwohnung. Bei einem abendlichen Spaziergang um die Landspitze kann man aber von Auẞen den Blick auf den Leuchtturm genieẞen. Die Landspitze ist ein beliebter Badeort mit Café und stimmungsvollen Sonnenuntergängen.

Etwas weiter südlich befinden sich sowohl der neue als auch der alte Leuchtturm von Dueodde. Der alte Leuchtturm besteht eigentlich aus zwei Leuchttürmen: Dueodde Nord und Süd, auch „Groẞer Leuchtturm“ und „Kleiner Leuchtturm“ genannt. Damals traute man sich nicht, einen groẞen Leuchtturm im Sand zu bauen. Also entschied man sich dafür, zwei zu bauen, damit man die Küste sowohl im Norden als auch im Westen berücksichtigen konnte. Der groẞe Leuchtturm ist 39 Meter hoch und kann von weit drauẞen auf dem Meer gesehen werden. Er ist aus Granit gebaut und erinnert in architektonischer Hinsicht viel an Hammeren Fyr. Der kleine Leuchtturm, der sich an der Spitze von Dueodde Strand befindet, sollte, mit seiner Höhe von 15 Metern, in erster Linie die Schiffe, die sich nahe am Land befanden, warnen. Der südliche Leuchtturm ist jetzt ein privates Wohnhaus, und der Turm ist stark umgebaut worden, so dass er heute eher wie ein Beobachtungsposten als ein Leuchtturm aussieht. Der nördliche Leuchtturm fungiert auch nicht mehr als Leuchtturm, dafür ist er im Rahmen des Erlebniszentrums „Bornholmertårnet“ für die Öffentlichkeit zugänglich. Eintritt muss bezahlt werden. Das Zentrum fokussiert auf die groẞe nachrichtendienstliche Arbeit, die von dem nördlichen Leuchtturm und dem später hinzugefügten 70 Meter hohen Überwachungsturm ausging. Der Turm sollte während des Kalten Krieges die Überwachung der Sowjetunion durch die Nato unterstützen: der „Spionturm“, wie die Einheimischen ihn nennen. Beide Türme haben eine fantastische Aussicht über den südlichen Teil von Bornholm. Es ist jedoch der dritte Leuchtturm in der Gegend, nämlich ein hoher, schlanker, weiẞer Turm, direkt in den Dünen, die die meisten Menschen heute mit Dueodde Fyr verbinden, Er wurde zwischen 1960 und 1962 gebaut und steht als eine Landmarke auf dem Teil von der Küste, wo im Laufe der Zeit die meisten Schiffe auf Grund gelaufen oder gesunken sind. Jeder erfahrene Kapitän weiẞ, dass die Küste bei Dueodde Fyr die gefährlichste der Bornholmer Küsten ist.

Wenn man in den Hafen von Rønne einläuft, kommt man nicht umhin, die Sankt Nikolai Kirche mit dem Fachwerkturm zu bemerken. Aber gleich daneben, links am Havnebakken, erblickt man auch den Leuchtturm von Rønne von 1880. Es ist eine schlanke, weiẞ gestrichene Eisenkonstruktion mit acht Seiten und einem mit Grünspan überzogenen Kupferdach oben. Obwohl der Leuchtturm einen Balkon hat, ist es nicht möglich, ihn zu betreten. Heute hat er keine andere Funktion, als die Hafeneinfahrt zu schmücken und ist als Kulturdenkmal zu betrachten. Das Licht von diesem Leuchtturm wurde durch ein blinkendes Licht ersetzt, angebracht auf einem hohen Mast, der in dem alten Stadtteil hinter dem Hafengelände steht.

Schlieẞlich gibt es den Leuchtturm auf Christiansø. Obwohl Christiansø ein Teil der Inselgruppe Ertholmene, östlich von Bornholm ist, und im Prinzip also nicht zu Bornholm gehört, sollte er dennoch erwähnt werden. Der Leuchtturm auf Christiansø ist ein architektonisches Juwel und hat – wie Hammeren Fyr – groẞe Bedeutung für die Schifffahrt nördlich von Bornholm gehabt. Der Leuchtturm befindet sich im Festungsgebäude selbst, Store Tårn, der aus dem 17. Jahrhundert stammt und seit 1805 in Betrieb ist. Im Jahre 2013 waren Store Tårn und der Leuchtturm so baufällig, dass eine Restaurierung notwendig war. Ein Projekt, das 4 Jahre dauerte und von RealDania unterstützt wurde, wurde initiiert, welches dem Gebäude neues Leben gab. Es ist ein besonderes Erlebnis zwischen den 3 Meter dicken Mauern herumzulaufen und die Atmosphäre des neu restaurierten Bauwerks zu spüren, und die Aussicht auf Bornholm ist groẞartig.

Sowohl im Store Tårn als auch im Leuchtturm sind einzigartige Ausstellungsräume geschaffen worden, die u.a. Ausstellungen über Ertholmene in einem globalen, historischen Kontext und über die besondere Tierwelt auf den Inseln zeigen. Auẞerdem gibt es Kunst- und Kulturveranstaltungen. Bei der Renovierung wurde das Innere des Gebäudes mit einem Glasdach ergänzt, welches dem Raum eine fantastische Akustik verleiht, nicht zuletzt für klassische Musik und Chorgesang. Store Tårn und den Leuchtturm zu besuchen ist ein Muss, wenn man auf Christiansø ist. Und übernachtet man auf der Insel, gibt es – fragt man die Einheimischen – nichts Schöneres als bei Einbruch der Dunkelheit sich irgendwo hinzusetzen und zuzusehen, wie das Licht des Feuerturmes über die Landschaft und das Meer Richtung Bornholm gleitet, von wo Hammeren Fyr zurückblinkt.


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