• da
  • en
  • de

Spuren der Wikinger

 TEKST: DORTHE LIND THORNTON FOTO: ANDERS BEIER

Wenn etwas unüberwindlich scheint, habe ich von Kindesbeinen an mich selbst daran erinnert, dass ich wie so viele andere Nordländer*innen, zu den Nachkommen des stolzen Volkes, der Wikinger, gehöre. Mit der Vermutung, dass Wikinger Blut durch meine Adern flieẞt, fühlte es sich in der Kindheit als undenkbar an, sich von dem eisigen Wind des Winterwetters und der Kälte im Gesicht unterwegs zur Schule knechten zu lassen, obwohl ich an den schlimmsten Wintertagen bei jedem Schritt bis zu den Knien in den Schnee einsank. Es gehört irgendwie dazu, Wikingervorfahren zu haben: man muss recht abgehärtet sein.

Die Vorfahren des nordischen Volkes waren Menschen von physischer und psychischer Härte, mit handwerklichem Können, einer engen Verbundenheit mit der Natur und mit einem Fernweh, der sich nicht zügeln lieẞ. Die Wikinger waren in der Tat vieles auf einmal. Die meisten waren friedliche Bauern, innovative Bootsbauer, Pelzjäger, tüchtige Handelsleute oder mutige Krieger. Und ja – einige waren skrupellose Schatzsucher, die auf barbarische Weise plünderten, vergewaltigten und töteten, aber die Wikingerzeit war tatsächlich – was Gesellschaft und Kultur betrifft – sehr fortschrittlich. Obwohl die Periode relativ kurz war (etwa 800 – 1050) haben die Lebensweise, die Kultur und die Reisen der Wikinger tiefe Spuren in dem heutigen Dänemark hinterlassen.

 

My Nordic ancestors were physically and mentally tough, skilled craftspeople, inherently bound to nature with an unbridled longing to explore. In reality, the Vikings were many things. Most were peaceful farmers, innovative boat-builders, trappers, skilled merchants or brave warriors. And, yes, some were ruthless treasure hunters who barbarically plundered, raped and killed, but the Viking Age was actually quite an advanced era socially and culturally. Although the age itself was relatively short (c. AD 800–1050), the Vikings’ way of life, culture and journeys have left profound marks on modern-day Denmark.

 

In neuerer Zeit ist die Wikingerkultur heiẞ geworden. Nicht nur in Dänemark, sondern auch in groẞen Teilen der übrigen westlichen Welt. Es ist z.B. in der Bart- und Haarmode der Männer zu erkennen, die heute stark von der Wikingerkultur inspiriert ist. Der Vollbart, der seit den achtziger Jahren hoffnungslos unmodern gewesen ist, hat sich mit der Hipster Kultur um die Jahrtausendwende wieder angebahnt, und ist heute als wirklich populärer Trend zurückgekommen. Der Vollbart hat eine erneute Anziehungskraft bekommen und wird jetzt wieder mit Stärke und Maskulinität verbunden. Eine Menge Webshops verkaufen Bärte und Haarschmuck für Männer – von den Schmuckdesigns der Wikinger inspiriert, und heute sieht man, dass Männer Perlen aus Silber oder Bronze mit Wikingermustern in Bart und Haar einfädeln. Und wer kennt nicht die coole Frisur „man bun“, die etwas nachlässigere „messy bun“, oder „signature look“ des dänischen Königs Ragnar Lodbrogs, wo ein halblanger Bart mit einem akkuraten, kurzrasierten Undercut und einem langen, geflochtenen Pferdeschwanz kombiniert wird. Der Wikinger Ragnar Lodbrog war unter den Leuten, die sich nicht mit dem Fach Geschichte beschäftigen, relativ unbekannt, aber seit der Netflix Hitserie „Vikings“ 2013 ist sein Name in aller Munde, und er hat sogar den gepflegtesten „Metromännern“ Lust gegeben, den Bart wachsen zu lassen, längere Locken zu bekommen und eine tollkühne Attitüde anzunehmen.

Namen wie z.B. Thor und Ragnar sind auch populärer als früher. Laut „Danmarks Statistik“ haben im Jahre 1985 38 Kinder den Namen Thor bekommen, im Jahre 2015 erreicht der Name einen deutlichen Höhepunkt, indem 184 Jungen den Namen bekommen. In den achtziger und neunziger Jahren bekamen 0 bis 2 Kinder pro Jahr den Namen Ragnar, aber 2013 steigt die Anzahl mit dem Namen merkbar an, und 2018 bekamen 14 Kinder in Dänemark den Namen Ragnar.

Tätowierungen oder „Bemalungen“ waren nach schriftlichen Quellen auch ein Teil der Wikingerkultur, und obwohl Tätowierungen an sich in unserer Zeit nichts Neues sind, sehen wir in steigendem Grade Motive mit Runen und nordischen Symbolen. Z.B. sieht man drei ineinander verschlungene Dreiecke, die in der nordischen Mythologie die neun Welten symbolisieren, den Weltenbaum Yggdrasil oder Tätowierungen mit geflochtenen Mustern, Knoten und auch Knoten ohne Enden, die, wie man meint, von zentraler Bedeutung für die Wikinger waren, und das Leben und dessen ewiger Veränderung symbolisierten.

Wikinger und Wikingerzeit sind seit Jahrhunderten ein zentraler Teil des dänischen, nationalen Selbstverständnisses. Von Archäologen, Historikern und anderen Forschern haben wir viele Kenntnisse über die Periode bekommen, aber trotzdem ändert sich unsere Auffassung von den Wikingern und der Wikingerzeit abhängig von der aktuellen Zeit und den Interessen der Gesellschaft. Heute hat die Wikingerkultur, mit guter Hilfe von den Massenmedien, in die Populärkultur Einzug gehalten, und man kann sich die Frage stellen, warum es gerade die Wikingerkultur ist, die eine Art Revival bekommen hat. Eine einfache Erklärung wäre, dass gleichzeitig damit, dass die Gesellschaft immer multikultureller wird, das Bedürfnis nach einem identitätsbildenden Gegengewicht entsteht – und hier steht die Wikingerkultur als etwas Besonderes und Starkes im Bewusstsein der Nordländer.

Die Leute, die die Geschichte Bornholms geschrieben haben, haben sich mit einer groẞen Unsicherheit abfinden müssen. Nicht nur über das Wikingerdasein auf der Felseninsel als solches, sondern auch darüber, wann Bornholm dem dänischen König unterworfen wurde, und wann die nordischen Götter die Kontrolle über das Seelenleben der Bornholmer zugunsten des Christentums verloren.

Die älteste Beschreibung von dem Norden, die wir kennen, sind die Reisebeschreibungen des norwegischen Seefahrers Ottar und des Engländers Wulfstan etwa aus dem Jahre 890, also zu der Zeit Gorms des Alten. Die beiden Männer wurden von dem englischen König Alfred dem Groẞen entsandt, um ihm Nachrichten über die Nord- und die Ostsee zu bringen. Menschen mit einem feinen Ohr für Sprache werden sich sicherlich von einem Auszug aus dem Bericht begeistern lassen, der wie folgend lautet: “Wevnadland him væs on Steorbord and on Bæabord him væs Langoland and Loland and Falster and Sconeg and thas land allhvrath to Denemearcan. And thonne Burgendaland væs us on bæebord, and tha habbat him sylf Cyning.” Burgendaland – oder Bornholm – hatte also damals angeblich seinen eigenen König, und das erzählt uns, dass Bornholm in der ersten Regierungszeit Gorms des Alten noch nicht zu dem vereinten, dänischen Reich gehörte. Das geschah jedoch vermutlich 50 bis 60 Jahre später, und an Stelle des entthronten oder vermutlich ermordeten Wikingerkönigs wurde ein königlicher Vogt oder Jarl eingesetzt, um die Interessen des Königs wahrzunehmen. Man meint, dass Bornholm seine Selbständigkeit kurz vor dem Jahr 1000 verlor, und dass die Bornholmer den Glauben an die nordischen Götter in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aufgaben. Damit verschwand eine jahrhundertealte Kultur und Vorstellungswelt.

An manchen Orten auf Bornholm findet man immer noch Spuren von der Anwesenheit der Wikinger auf der Insel. Geht man hinaus in die Natur, findet man Bautasteine, Runensteine, Burgruinen, Grabplätzen u.a.m.

Bornholm ist die Stelle in Dänemark mit den meisten Bautasteinen. Ungefähr 1000 Bautasteine sind auf der Insel registriert worden. Bautasteine stehen manchmal an Stellen, wo Überreste von Leichenverbrennungsfeuern in die Erde eingegraben sind. Es war in der Wikingerzeit üblich, Bautasteine oben auf solche Grabplätze aufzustellen, viele Bautasteine sind jedoch ohne eine Beziehung zu Gräbern aufgestellt worden. „Louisenlund“, ungefähr 3,5 Km östlich von Østermarie, und „Gryet“, nördlich von Sankt Bodils Kirche, sind die gröẞten Sammlungen Bornholms von Bautasteinen. Man meint, dass die Bautasteine hier aus der Wikingerzeit stammen. In „Louisenlund“ stehen etwa 50 Bautasteine, in der Stille, zwischen den Bäumen verstreut, und in „Gryet“, einem kleinen Waldgebiet nahe bei „Louisenlund“, stehen mehr als 70 Bautasteine.

Sowohl östlich als westlich von „Gryet“ hat man auẞerdem Spuren nach Siedlungen aus der Eisenzeit und der Wikingerzeit gefunden.

Den höchsten Bautastein findet man bei „Frennemark“, gerade südlich von Svaneke. Hier stehen drei groẞe Bautasteine, der gröẞte ist fast drei Meter hoch. Man findet auch Bautasteine zwischen Bølshavn und Listed, an der Küstenstraẞe, wo man „Hellig Kvinde“ (heilige Frau) findet. Hier steht der gröẞere von zwei Bautasteinen auf einem niedrigen Steinhügel, und neben ihn steht ein kleines Schiffsgrab aus niedrigen Bautasteinen. Eine alte Sage berichtet von einer heiligen Frau, deren wütender Ehemann sie umbringen wollte. Er wollte sogar die Kinder töten. In ihrer Not bat die Frau eindringlich an die Götter, die sie alle in Steine verwandelten, ehe die Untat passierte. Noch heute grüẞen viele Bornholmer ehrfurchtsvoll „Hellig Kvinde“ und ihre Kinder, wenn sie vorbeikommen.

Auf Bornholm gibt es auch eine Reihe von Grabplätzen aus der Wikingerzeit, von denen vermutlich eine kleinere Anzahl frühe, christliche Grabplätze etwa aus den Jahren 950 – 1060 sind. „Bøgebjerg“ südlich von Østerlars ist wohl der schönste Wikingergrabplatz Bornholms mit freigelegten Steinkammergräbern. Der eigentliche Grabplatz liegt auf einer Kiesanhöhe, von mehr oder weniger erkennbaren Steinpflastern, Steinsärgen und Bautasteinen aus der Wikingerzeit zugedeckt. Wenn man an einem sonnigen Frühlingstag hier steht, wo das Licht über den mit Anemonen bekleideten Waldboden fällt, kann man sich leicht die Stimmung in Verbindung mit den Bestattungsritualen vorstellen, die hier stattfanden, wenn ein Wikinger sich auf seine letzte Reise zu Valhalla in Asgård begab.

Auch etwa 40 Runensteine sind über der ganzen Insel Bornholm verstreut. Die Runensteine ersetzten die Bautasteine ohne Inschrift. Die Inschrift in den Runensteinen sind oft Gedächtnisworte auf einen Verstorbenen. Die Runensteine auf Bornholm stehen heute typisch bei Kirchen oder Brücken – vielleicht weil manche davon als wiederverwendete Bausteine in Brücken, Steinkirchen und Pfarrhäusern gefunden worden sind. Z.B. stieẞ man während des Umbaus von Bodils Kirche im Juli 1911 auf einen groẞen Granitstein, der als Grundstein in der Nordmauer des Schiffes diente. Der Stein steht heute in der Vorhalle. Der gröẞte Runenstein Bornholms ist „Brogårdsstenen“ südlich von Hasle. Er wurde als Deckstein in einer Brücke über Bagå im Jahre 1868 wiedergefunden. Erst vor wenigen Jahren wurde der letzte Runenstein auf Bornholm verzeichnet. Das geschah als ein schwedischer Archäologe ihn über der Tür zu Sct. Knuds Kirche in Knudsker erblickte. Obwohl der Gemeindekirchenrat immer von der Existenz des Runensteins gewusst hat, wurde er erst 2017 offiziell registriert. Es gibt viele Runensteine auf Bornholm, die sehenswert sind, und es ist sehr zu empfehlen, im Internet zu googeln wo die Runensteine sich befinden und dorthin zu fahren, wenn man sowieso auf der Insel herumfährt.

Einer der schönsten Reste aus der Wikingerzeit muss „Gamleborg“ in Almindingen sein. „Gamleborg“ ist der älteste Steinbau auf Bornholm und ist schön gelegen in einem der gröẞten Waldgebiete Dänemarks, mit vielen Felsen und Spalttälern. „Gamleborg“ wurde etwa 750 gebaut und war höchstwahrscheinlich Wohnsitz der Könige Bornholms während der Wikingerzeit und des frühen Mittelalters. Das Burgplateau deckt eine Fläche von 2,5 Hektar. Die Wikinger haben

vermutlich den kräftigen Stein- und Erdwall um die Burg mit den eigenen Händen gebaut. 270 Meter in der Richtung Nord-Süd und 100 Meter in der Breite. Das hat Zeit gedauert.

Die Landschaft um „Gamleborg“ ist an sich ein Erlebnis, und die Vegetation ist hier besonders mannigfaltig. Es ist sehr zu empfehlen, sich Zeit zu nehmen, um das Gebiet zu Fuẞ zu erforschen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. „Gamleborg“ ist übrigens Teil der neuen Ausstellung über die Wikingerzeit „Togtet“ im Nationalmuseum, eine ganz neue Ausstellung über die Wikinger, die 2021 im Nationalmuseum eröffnet.

Es gibt also viele Möglichkeiten, Reste aus der Wikingerzeit auf Bornholm zu erleben. Das tüchtige, widerstandsfähige und innovative Volk, das Jahrhunderte hindurch ihr Leben auf der Insel lebte, hat uns Zeichen ihrer Anwesenheit in ihrer eigenen Sprache hinterlassen. Sie erzählen uns, dass sie hier waren, dass sie gerne in Erinnerung bleiben möchten, und dass wir sie kennenlernen können. Gefordert sind weder Vorbereitung, Eintrittskarte noch spezielle Ausstattung. In der Tat gibt es nur eines, worauf man aufmerksam sein soll, wenn man die vorzeitlichen Denkmäler der Wikingerzeit auf Bornholm besucht: sie zu schützen. Sie sind Jahrhunderte vor unserer Zeit von Menschenhand geschaffen, sie sind von früheren Generationen geschätzt und beschützt worden, und jetzt sind sie in unserer Obhut. Gehen Sie hinaus und erleben Sie sie selber. Denn steht man an einer der zurückgebliebenen Spuren der Wikinger auf Bornholm, und schlieẞt man die Augen und versucht nachzuempfinden, dann wird man die stumme Nähe der Wikinger spüren.

Andre læser også

Anders Beier

Hasle Røgeri

Nord – Snaps

Die wilden Wracks Bornholms

”Stationscaféen” in „Pension Langebjerg“

BALTIC SEA GLASS UNIKA