TEXT: MADS WESTERMANN FOTO: ANDERS BEIER
Bornholm lässt sich auf vielfältige Weise erleben. Fünf dieser Erlebnisse führen Sie zu weniger bekannten Orten und Momenten und erfordern etwas Neugier und Entdeckergeist. Vom morgendlichen Bad inmitten der rauen Industriegeschichte bis zur Fledermausjagd in der Dämmerung.
Bis 1996 wurde in Vang Granitbrud Granit für Bauprojekte in ganz Dänemark abgebaut. Christiansborg, das Kopenhagener Rathaus, die Große-Belt-Brücke – die Steine stammten von hier. Heute sind die Felswände noch erhalten. Die Maschinen sind verschwunden, die Felsen werden zum Klettern genutzt, und in den alten Maschinenhallen befinden sich Übernachtungsmöglichkeiten für Wanderer und Radfahrer.
Unterhalb des Steinbruchs, draußen an der Küste, liegt die Vang-Pier, und an ihrem Ende befindet sich Lagunen, ein kleiner Sandstrand, der von drei Seiten von Felsen geschützt ist. Von hier aus kann man von der Wippe auf der Pier direkt in das alte Hafenbecken springen, von wo aus einst die Granitblöcke verschifft wurden. Das Wasser ist tief und klar, und die Wände sind steil. Und wenn man morgens kommt, bevor der Wind auffrischt, ist der Pool oft spiegelglatt.
Weiter südlich, tief im Wald hinter Hasle, liegt Rubinsøen. Ein altes Braunkohletagebaugebiet mit steilen Lehmhängen, versunkenen Bäumen und Seerosen. Unter der Wasseroberfläche ziehen große Hechte durch das Schilf. Die Hänge sind steil, der Grund weich, und der nächste Parkplatz ist weit entfernt. Ein einzigartiger Ort zum Schnorcheln mit einer fast unwirklichen Atmosphäre, wenn die Sonnenstrahlen im klaren Wasser spielen.
Nirgendwo in Dänemark stehen die Menhire so dicht beieinander wie auf Bornholm.
Nahe Bodilsker, in einem kleinen Waldstück, liegt Gryet. Es ist ein Gräberfeld mit 67 Menhiren aus der Bronze- und Eisenzeit. Nicht in geraden Reihen, sondern verstreut und scheinbar willkürlich angeordnet, wie ein Totenreich, das über Generationen hinweg gewachsen ist, als die Toten dort ihre letzte Ruhestätte fanden. Wenn das Sonnenlicht durch das Laub fällt und die großen, senkrechten Steine trifft, ist es fast so, als würden sie tanzen.
Doch ein Stein fehlt. Der größte, der jemals in Gryet stand. Er wurde 1866 entfernt und zu einem moderneren Grabstein umgearbeitet. Heute steht er auf dem Friedhof von Nexø neben dem Grab des Unbekannten, geschmückt mit christlichen Kreuzen. Ein Stein mit zwei Geschichten, getrennt durch zehn Kilometer und zweitausend Jahre. Ihn zu finden erfordert einen kleinen Umweg, doch seine Funktion bleibt dieselbe: die verstorbenen Vorfahren zu ehren und ihrer zu gedenken.
Bornholm und Rauch gehören einfach zusammen. Sol over Gudhjem – geräucherter Hering mit rohem Eigelb – ist ein Bornholmer Klassiker, genau wie die Räuchereien entlang der Küste fest zum Inselbild gehören. Sie verströmen den süßlich-würzigen Duft von Erlenrauch, der die Nase der Vorbeigehenden kitzelt. Doch der Rauch wird nicht nur für Hering verwendet.
Bei Nexø Gamle Røgeri findet man eine oft übersehene Delikatesse: geräucherte Kartoffeln. Die unscheinbare Knolle hat den Rauch aufgenommen. Die Schale ist knusprig und aromatisch geworden, das Innere samtig und cremig. Zusammen mit geräuchertem Käse, geräuchertem Salz und frisch geschnittenem Schnittlauch ergeben sie ein unvergleichliches Geschmackserlebnis. Nehmen Sie die geräucherten Köstlichkeiten mit. Suchen Sie sich eine Bank mit Meerblick. Einfach. Geräuchert. Ohne Gräten.
Südlich von Hasle liegt Kultippen, eine karge Landschaft, entstanden aus dem Überschussboden ehemaliger Kohle- und Tonminen.
Der Ton liegt frei, und der Boden ist so sauer, dass hier nichts wachsen kann. Regen und Wind verändern die Landschaft daher fast täglich. Auch das Licht verhält sich hier anders als an anderen Orten der Insel.
Der einheitlich gefärbte Ton lässt Land und Meer beinahe miteinander verschmelzen.
Verborgen im kargen Tonsand liegen Pyritklumpen, auch Katzengold genannt. Schwere, schimmernde Steine mit metallischem Glanz, die auf den ersten Blick Goldnuggets ähneln. Man muss ein wenig graben und ein geübtes Auge haben, um sie zu finden, aber sie sind da.
Wenn die untergehende Sonne den Himmel über dieser einzigartigen Landschaft rot färbt, erinnert sie eher an den Mars als an die Überreste eines Industriegebietes auf Bornholm.
Ein Stück Katzengold in der Hand zu halten, während das Licht schwindet, ist ein wahrhaft magisches Erlebnis.
Wenn die Dunkelheit hereinbricht, erwacht ein anderer Teil der Insel zum Leben. Bornholm beherbergt eine große Fledermauspopulation, und einer der besten Orte, um sie zu beobachten, ist Borgedalssøen in der Rø Plantage.
Im nahegelegenen Fledermaushaus kann man eine Kolonie von Langohrfledermäusen, die im Dachgeschoss leben, mithilfe von Infrarotkameras verfolgen. Die Tiere hängen dicht beieinander, und auf den Bildschirmen kann man sie im Schlaf zucken sehen. Das wahre Erlebnis bietet sich jedoch draußen, in der Dämmerung unten am See.
Hier jagt die Wasserfledermaus dicht über der Wasseroberfläche und schnappt sich Insekten, die von der Oberflächenspannung des Wassers gehalten werden. Sie nutzt Echolote, um ihre Beute von den Wellen zu unterscheiden, und fliegt oft nur wenige Zentimeter über dem Wasser. Ihre Bewegungen sind schnell und unregelmäßig, und die Jäger verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Gelegentlich ist ein leises Platschen eines gefangenen Insekts auf der Wasseroberfläche zu hören. Dann wieder Stille.
Es erfordert Geduld und Konzentration, sie zu beobachten, aber es lohnt sich.