TEXT: MADS WESTERMANN FOTO: ANDERS BEIER
Auf den ersten Blick wirkt Rispebjerg offen und fast kahl. Ein windgepeitschtes Brachfeld nahe Poulsker, scheinbar menschenleer. Doch sobald man den Boden berührt, entfaltet sich in der Landschaft eine 5000-jährige, dramatische Geschichte.
Hier, auf dem flachen Plateau über dem Øleådalen, hat der Wind über Jahrtausende eine Landschaft geformt, die Zeuge von Sonnenanbetung und blutigen Piratenangriffen war. Die Spuren sind noch heute sichtbar.
Hier stand ein großer Tempel, in dem die ersten Bauern der Steinzeit die Sonne verehrten. Später, in der Eisenzeit, befand sich hier eine gewaltige Burg, in der die Bewohner Bornholms Schutz suchen konnten, als Piraten von der anderen Seite der Ostsee Bornholm plünderten und verwüsteten.
Rispebjerg wurde zur Verteidigung angelegt. Die ebene Fläche bildete eine natürliche Festung. An drei Seiten grenzte sie an 15 Meter hohe, steile Hänge, die in Richtung Øleå abfielen. Nur im Südosten war sie verwundbar, und hier errichteten die Bornholmer der Eisenzeit massive Wälle, hohe Palisadenzäune und gruben tiefe, breite Gräben.
Diese Befestigungsanlagen waren äußerst raffiniert konstruiert, sodass sie den Angreifern eine Verschnaufpause ermöglichten, während die Bornholmer selbst in Sicherheit waren. So waren beispielsweise einige Wälle so angelegt, dass sie von außen nicht angegriffen werden konnten, ohne dass die Angreifer selbst von mehreren Seiten attackiert wurden.
Um die Trinkwasserversorgung von Vieh und Menschen sicherzustellen, wurde die Wiese westlich von Ringborgen zusätzlich durch einen fast 30 Meter breiten Graben geschützt, der das Flusstal durchschnitt. Dieser Burggraben sicherte den Zugang zu zwei wichtigen Quellen mit sauberem Wasser und schützte Weideflächen für das Vieh, das die Bornholmer mitgebracht hatten, als sie auf Rispebjerg Zuflucht suchten.
Von der äußeren Ringmauer aus lässt sich die Landschaft noch heute als alte Verteidigungsanlage erkennen. Die grasbewachsenen Überreste der Wälle markieren die Stellen, an denen einst drei Meter hohe Palisaden standen. Insgesamt umfasste die Burganlage eine Fläche von mehreren Fußballfeldern und bot Hunderten von Menschen und ihren Tieren wochenlang Schutz. Wenn auf den Hügelkuppen der Insel die Bavne-Feuer – die damaligen Alarmsignale – entzündet wurden, flohen die Bauern mit ihren Familien und ihrem Vieh nach Rispebjerg, um vor den feindlichen Piraten Schutz zu suchen. Bornholms Stonehenge – nur aus Holz.
Spulen wir die Zeit 2900 Jahre zurück, war Rispebjerg keine Burg, sondern ein Zufluchtsort. Ein Bornholmer Stonehenge, erbaut aus massiver Eiche.
Zu jener Zeit ragten 22 gewaltige Holzkreise, sogenannte Woodhenges, über die Landschaft. Auf ihnen befanden sich Lehmplattformen, aus denen der Rauch von Opfergaben in den Himmel aufstieg. Archäologen haben im Boden verbrannte Knochenreste gefunden, Überreste der Rituale, die Bornholms erste Bauern zu Ehren der Sonne vollzogen. Zu den Funden gehören auch
die sogenannten Sonnensteine – flache Schieferplatten mit fein eingravierten Sonnenmotiven. Sie sind einzigartig für Bornholm und nirgendwo sonst auf der Welt bekannt.
Holzkreise dieser Art sind nur von wenigen Orten in Skandinavien bekannt. Einige von ihnen sind heute mit Pfosten im Boden markiert, und einer wurde zu einem Wachturm umgebaut. Von hier aus kann man über die Ebene blicken und Spuren des alten Tempels und der alten Verteidigungsanlagen erahnen.
Wenn man von Rispebjerg spricht, kommt man an den Unterjordisken nicht vorbei. Der Legende nach sind die Unterjordisken ein kleines Volk, das Menschen ähnelt, aber kleiner ist. Sie tragen typischerweise graue Kleidung und rote Zylinder.
Die Unterjordisken beschützen Bornholm, und der Legende nach erheben sie sich im Falle eines Feindes zu einer mächtigen und unbesiegbaren Armee. Dies geschieht jedoch nur, wenn ein Christ einen Schuss auf den Feind abgegeben hat. Dann erst greifen die Unterjordisken zu den Waffen und helfen bei der Verteidigung Bornholms.
Der Überlieferung nach ist Rispebjerg der Übungsplatz der Unterjordisken. Hier trainieren sie jede Nacht, um Bornholm gegen Feinde von außen verteidigen zu können. An der Spitze der Armee reitet ihr König Ellestingeren. Er sitzt auf Helhest, einem dreibeinigen weißen Wallach mit einem goldverzierten Geschirr. Auf seinem Kopf trägt Ellestingeren einen dreieckigen Hut und in der Hand einen Speer. Um ihn herum befinden sich zwölf Höflinge, von denen jeder für einen Teil Bornholms zuständig ist.
Der Legende nach erheben sich nach Mittsommer oder in einer Vollmondnacht die umliegenden Grabhügel auf leuchtenden Stangen. Ellestingeren sitzt dann am Ende der Tafel in einem erleuchteten Festsaal aus Gold und Silber, während die Unterwelt feiert. Die Legende besagt auch, dass diejenigen, die dies gesehen haben, nie wieder ganz sie selbst sein werden.
Rispebjerg erreicht man am besten zu Fuß. Von Brugsen in Pedersker führt der Pærskerstien durch die Landschaft. Der 1,6 Kilometer lange Wanderweg lädt zum Spazieren ein: Wildgras kitzelt die Waden, und der Duft warmer Wiesen und blühender Hecken liegt in der Luft. Auch für kürzere Beine geeignet.
An den Hängen hinunter nach Øleå lassen sich Fossilien aus Bornholms geologischer Vergangenheit entdecken. Abdrücke von Muscheln und Meerestieren aus einer Zeit, als die Insel unter Wasser lag. Steine mit deutlichen Abdrücken liegen lose im Lehm und können aufgesammelt werden.
Rispebjerg bietet sich für eine Rast an. Bringen Sie einen Picknickkorb mit.