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BEN WOODHAMS

TEKST: LAURA FREDERIKKE JESPERSEN FOTO: ANDERS BEIER

Ich stelle mein Auto ab vor einem roten Fachwerkhaus in Vestermarie, an der Straẞe, einen Steinwurf von der Kirche entfernt. Ich denke zurück an die vielen Radtouren meiner Kindheit auf eben diesen Straẞen mit Blick über die scheinbar unendlichen Felder. Ich spüre die kalten Sonnenstrahlen der Jahreszeit im Gesicht, und sehe die letzten, weiẞen Flecken des Schnees auf der Erde. Die Vögel fliegen lebhaft herum. Der Frühling muss wirklich auf dem Weg sein. Die Veränderung der Natur lässt mich die Strahlen der Sonne etwas kräftiger wahrnehmen gerade hier am Eingang zu Ben Woodhams Haus.

Ben empfängt mich an dem Gartentor. Hinter dem Haus liegt ein gemütlicher, wilder Garten, und ich höre, dass die Vögel sich hier zu Hause fühlen. Ben lädt mich ins Haus ein. Ich sitze in seinem Büro, während er uns einen Kaffee macht, und ich werde von Neugier gepackt. Hier gibt es Zeichnungen, Bücher, Skizzen, Malereien und allerlei verschiedene Dinge, die mich verwundern und faszinieren. Drauẞen setzen die Vögel ihr lebhaftes Zwitschern fort, und sie flattern unruhig hin und zurück vor dem groẞen Fenster. Ben kommt aus der Küche zurück und ihm fällt plötzlich ein, dass er vergessen hat, sie zu füttern. Das tägliche Ritual. Eine Art Übereinkommen zwischen ihm und den Vögeln.

Ben Woodhams ist vor 13 Jahren nach Bornholm gekommen, Er ist in Brighton in England geboren und aufgewachsen und hat seine dänische Frau Tina 1993 in Hongkong kennengelernt, als er damals dort wohnte. Zusammen haben sie mehrere Jahre in verschiedenen Ländern gewohnt, aber zu einem Zeitpunkt möchte Tina wieder nach Dänemark. Ben war zwar nicht davon überzeugt, dass Dänemark ein Land für ihn war. Bis eines Tages im Jahre 2007, wo er mit der Familie auf Bornholm Urlaub machte. Da geschah etwas. Benn wusste instinktiv, dass er hier wohnen konnte. Die Insel sprach ihn an. Heute wohnen Ben und Tina in Vestermarie, und Ben kann sich nicht vorstellen anderswo zu wohnen. – „Es ist unglaublich, was Bornholm für meine Kunst bedeutet hat. Ich glaube nicht, dass es anderswo für mich funktionieren würde. Ich erlebte auch schnell, dass die Bornholmer sich für meine künstlerische Arbeit interessierten, und ich habe unschätzbare Hilfe und Unterstützung von der örtlichen Gemeinschaft erlebt,“ erklärt Ben.

Der Übergang vom groẞen Ausland zum kleinen Bornholm war etwas, das Ben gefiel, und er merkte schnell, dass die Kreativität sich wieder in seinem Inneren regte. – „Ich hatte mein ganzes Leben hindurch, schon als ganz junger Mann, versucht herauszufinden, wie ich diese Kreativität, diesen Traum davon als Künstler leben zu können, den ich im Inneren spüren konnte, zum Ausdruck bringen könnte. Ich hatte aber den Weg nicht gefunden,“ erzählt Ben, während wir Kaffee trinken und die Aussicht über die Felder und die Vögel, die eifrig das Vogelfutter vor dem Fenster fressen, genieẞen. – „Seit ich 12 war, haben Vögel mich sehr viel fasziniert. Ich hatte oft groẞe Lust mit dem Fernglas hinauszugehen, um mir Vögel anzuschauen, ich fand aber auch, dass es etwas peinlich war. Ich war jung, und es war zu dem Zeitpunkt nicht eben „in“,“ lacht Ben und erklärt: – „Erst als ich Vater geworden war und die Freude an der Natur durch meine Kinder erleben konnte, wagte ich, mein Interesse wieder aufzugreifen. Dann wurde das Fernglas wieder hervorgeholt, und ja, jetzt habe ich es immer bei mir,“ sagt Ben mit einem Lächeln, das sowohl Stolz als Verwunderung birgt – und vielleicht auch Überraschung darüber, dass sich sein Leben durch die Kunst zu dem entwickelt hat, was es jetzt ist. Denn Ben wurde nie zu den Kunststudien zugelassen, um die er sich bewarb, als er jung war, und der Weg zu einem Leben als Künstler auf Bornholm ist uneben und unvorhersehbar gewesen. Wenn man sieht, wie populär Bens Kunstwerke heute sind, ist es schwierig zu glauben, dass es fünf Jahre harter Arbeit mit der Kunst gefordert hat, ohne Einnahmen von ihr, ehe es ihm gelungen ist, in die künstlerische Ader hineinzufinden, die sein Beruf werden sollte. Ein Glücksfall des Lebens – und doch. Denn wenn man es sich

näher überlegt, ist Bens Drang danach, Vögel zu betrachten und die Passion dafür, in der Natur zu sein und dort zu arbeiten die ganze Zeit da gewesen. Und genau das ist heute die Essenz seiner Werke. Eins sein mit dem, was um ihn passiert in dem stillen Augenblick, wo nur das Licht, die Geräusche und die Düfte zu ihm sprechen, und wo er die Perzeption in Aquarell auf das Papier gestaltet. Ben könnte sich gar nicht vorstellen, von einem Motiv in der Natur ein Foto zu machen, um dann nach Hause zu gehen und es im Atelier zu malen. Das Kunstwerk muss das eigentliche, wahre Erlebnis von der Natur in sich haben, und Ben malt oft Beobachtungen von demselben Ort mehrere Male, immer wieder, zu verschiedenen Zeitpunkten des Tages und zu verschiedenen Jahreszeiten.

 

So entstand auch sein Werk „KYST“ (Küste) von 2018. „KYST“ war eine Wanderung rund um Bornholm in 52 Etappen und handelte von Änderungen durch Zeit und Raum, mit Bornholm als eine riesige Uhr oder einen riesigen Kalender. Jede Etappe wurde eine Reise während der Wanderung der Sonne durch den Tag, aber auch durch Millionen von geologischen Jahren, durch Tausende von Geschichten, Jahreszeiten, Vogelzüge, Gezeiten und viel mehr. Einmal pro Woche in einem ganzen Jahr ging Ben an der Küste Bornholms, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Langsam und observierend. Er zeichnete und malte das, was er sah, was ihm auffiel und ihn begeisterte. Alles wurde in einem 224 seitigen „Hardcover“ mit Geschichten und Werken vom Projekt gesammelt. – „Mit dem „KYST“-Projekt wurde es mir klar, dass ich ziemlich abhängig davon bin, Rahmen und Dogmen für meine Kunst zu setzen. Ich musste 100- prozentig akzeptieren, dass die Natur und die Zeit die Macht hatten. Die Natur barg kein bestimmtes oder perfektes Licht, und hatte nie dasselbe Aussehen am nächsten Tag zum selben Zeitpunkt. Ich musste mich den Rahmen ergeben, die die Natur mir anboten. Als ich das einmal akzeptiert hatte, wurde es eine Reise, die ich nie vergessen werde,“ erklärt Ben, und erzählt weiter von all den Bornholmern, die er unterwegs traf, und die sich alle sehr für seine Arbeit interessiert haben. – „Das ist ja das ganz einmalige hier auf Bornholm. Die Leute haben Gefühle für die Motive, die ich male, und sie wollen gern mit Geschichten beitragen. Daran musste ich mich am Anfang gewöhnen, denn ich bin eigentlich recht privat und verschlossen, wenn ich an einem Bild arbeite.“

 

Während unseres Gesprächs wird mir klar, dass vieles von dem, worum Ben in seiner Arbeit kreist, von den äuẞeren Rahmen und den Grenzen für seine Arbeit handelt. Es ist, als würde Ben eigentlich von dem Kontrast zwischen der Unvorhersehbarkeit der Natur und seinem eigenen inneren Kampf getrieben, wenn ein Werk entsteht. – „Ich erlebe, dass je dichter ich an der Grenze bin, je gröẞer ist für mich die Möglichkeit, etwas Interessantes zu schaffen,“ erzählt Ben, der gerne zugibt, dass die Regeln und die Rahmen, die er sich selbst aufsetzt, ihn noch enger mit der Natur verbinden. Z.B. wie wenn er zierliche Vierecke in die Erde, den Schnee, das Wasser, das Eis oder in Bäume Bornholms macht. Im Januar, als der Frost Bornholm in festem Griff hatte, kratzte Ben in das Eis auf einem Feld in der Nähe von Vestermarie, um ein Viereck zu schaffen, das von einem bestimmten Punkt aus quadratisch aussieht. Das wurde der Anfang eines neuen Kunstprojekts für dieses Jahr, „Fire Kanter“ (Vier Ecken/ Vier Kanten), womit Ben im Jahre 2021 arbeiten wird. „Fire Kanter“ sind anamorphe Quadrate, in der Natur Bornholms geschaffen und fotografiert. Im Wald, auf dem Feld oder an der Küste. Ein anamorphisches Quadrat ist in Wirklichkeit nicht quadratisch, sondern sieht nur von einem bestimmten Punkt im Raum aus quadratisch aus. Die Herausforderung besteht darin, die Illusion an einer dynamischen Stelle nur durch Gebrauch von Naturmaterialien zu schaffen. Der Wind, die Temperatur und die formbaren Naturmaterialien bestimmen, ob es gelingen wird. Genau dieses Projekt stellt Ben auf eine Probe. Der Kampf zwischen dem inneren Drang es zu tun und sich gleichzeitig zu sagen „es ist zu doof“. Die Arbeit mit Details, die die Natur nicht selber machen kann, derer Formgebung sie aber trotzdem schnell übernimmt, und in der Weise mit der Zeit Bens mitarbeitender Künstler wird. – „Die Idee zu „Fire Kanter“, entstand in mir aus der Tatsache, dass wir Menschen in hohem Grade die Natur zerstören. Fast alles, was wir tun, hat Einfluss auf die Natur. Ich war davon inspiriert, wie ich etwas von dem Orden der

Natur „zerstören“ und gleichzeitig eine Veränderung schaffen konnte, in der die Natur bestimmt und im Laufe der Zeit neues Leben schafft“.

 

 

Nach einem so ausführlichen Gespräch über die Einwirkung der Natur auf seine künstlerische Arbeit wirkt es fast albern Ben zu fragen, was ihm Bornholm bedeutet. Und dann sagt Ben plötzlich selber etwas, dass in dem Grade in mir Anklang findet: – „Ich befinde mich wirklich gut auf einer Insel. Ich bin durch die Küste abgegrenzt. Ich kann nicht nur endlos fortsetzen. Ich muss mich dem Rahmen der Insel anpassen, und das passt mir wirklich gut.“ Die Felsenküste Bornholms, die Strände und die Abhänge bilden eine natürliche Grenze für Bens Kunst, und es ist, als ob er hier auf der Insel „nach Hause“ gefunden hat. Nach Hause zur Kreativität und nach Hause zur Kunst.

Unser Gespräch hat uns weit geführt. Bens Aquarelle von dem Vogelleben sind faszinierend, und es ist ein besonderes Erlebnis in Bens Büro zu sitzen und auf alle die lebenden Vögel im Weiẞdorn vor dem Fenster zu sehen und danach auf alle die Bilder mit Vögeln, die um mich herumstehen. Die meisten der Aquarelle, die ich gesehen habe, stellen lebhafte Vögel in ihren natürlichen Umgebungen dar, aber plötzlich fällt mir ein, dass alle Vögel auf den Bildern, die um mich stehen, tot sind. Wieso das? Ich muss fragen. Und nicht überraschend zieht Ben wieder die Parallele zu der Wichtigkeit davon, sich in die Details der Natur zu versenken. Dass eben das so abgrenzend ist. – „Wenn die Vögel tot sind, kann ich alle Details ganz aus der Nähe untersuchen, der Natur ihre Regelwerke entschlüsseln. Alles hängt zusammen. Als hätte die Natur für jeden Vogel eine Farbcode. Verschiedene Nuancen derselben Farbskala. Das fasziniert mich,“ erzählt er.- „Manchmal kommt es mir vor, dass die Vögel fast vor meine Füẞe herunterfallen“, lächelt er, „als würden sie darum bitten, gemalt zu werden“. In der Tat hat Ben eine Tiefkühltruhe voll von toten Vögeln, die darauf warten, gemalt zu werden. Vögel, die sogar in dem Tod den Weg zu Ben gefunden haben, und auch Vögel, die ihm Jäger gebracht haben, so dass sie in seinen Werken verewigt werden können. Es ist als ob Bens innere Berufung, die Vögel zu malen, von den Umgebungen und den Vögeln selbst beantwortet würde.

Ich versenke mich in die Faszination von einem schönen Bild von zwei Schwalben. Es stimmt. Die Farben stimmen überein. Die Natur bestimmt. Und Ben formt das Erlebnis zu impressionistischen Werken in Aquarell. Es fällt mir schwer, die zwei Schwalben auf dem Tisch liegen zu lassen, als wir wieder aufstehen, und Ben mich zurück zum Gartentor begleitet. Und als ich nach Hause komme, ist es, als ob sie fehlen.

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