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Der Klang nach Bornholm

von Sara B. Gildberg Foto: Anders Beier

Der Klang kommt von innen. Der Klang von uns selbst. Bei geschlossenem Mund bleibt die Stimme in uns, ist aber dennoch in der Auẞenwelt zu hören, wenn wir summen.

Der Bornholmer Musiker, Kristian Finne Kristensen, besser bekannt als „Chorus Grant und der eine Teil des Duos „Cancer“ hat eben sein siebtes Album „Underbelly“ veröffentlicht. Das erste Album unter eigenem Namen, wo der heute 40-jährige Musiker das Summen zum Ausgangspunkt nimmt.

Es begann eigentlich mit langen Wanderungen auf den verschlungenen Wege Systemen in den Parks auf Nørrebro mit seinem neugeborenen Sohn im Kinderwagen. Die meisten Eltern kennen es: die langen Spaziergänge mit einem schlafenden Kind, wo die Monotonie der Schritte fast eine tranceartige Wanderung durch Kilometer und Gedanken wird. Auf den Spaziergängen summte er vor sich hin. Kleine improvisierten und intuitiven Melodien, die langsam im Bewusstsein Gestalt annahmen.

Wir treffen uns an einem der ersten, richtigen Sommertagen mit heiẞer Sonne und den Geräuschen der Stadt als summender Geräuschkulisse im Hintergrund. Langsam wird sie von Vogelgezwitscher und summenden Insekten abgelöst, als wir in Østre Anlæg kommen. Hier war es, dass er mit dem Kind im Kinderwagen summend spazieren ging, bis er eines Tages auf die improvisierten Töne aufmerksam wurde und anfing sie mit der Handy aufzunehmen. Zusammen gehen wir durch die Anlage, jeder mit einer Tasse Kaffee, den Kristian uns in „Den Franske Café“ neben Sortedamssøen gekauft hat. Er spricht von seinem neuesten Platten Projekt mit einem Enthusiasmus, der sogar einen Erweckungsprediger neidisch machen würde. Er gestikuliert und seine Augen leuchten, während er erklärt, dass es etwas Universelles gibt, eine gemeinsame Verbundenheit in dem Klang und der fast primitiven und intuitiven Weise, in der wir Menschen mit unseren Stimmbändern einen Laut, eine Melodie und Töne machen, wenn wir summen. – „Ich hatte einfach das Gefühl, dass dieses irgendwie gröẞer als ich selbst war“, erklärt er. Genau das Universelle, die unartikulierten, innewohnenden Melodien sind das Thema von Kristians sinnlicher und experimenteller Veröffentlichung „Unterbelly“, die sowohl aus einem Album als einem Podcast besteht.

Wir setzen uns auf eine Bank mit Blick auf einen See im Gegenlicht in der Nähe von Statens Museum for Kunst. Über das Aufwachsen auf Bornholm sagt er: -„Bornholm ist ja ein Naturjuwel, der etwas Besonderes hat, das es nicht anderswo auf der Welt gibt. Es ist eine Insel voller Kontraste und wunderbarer Schönheit in jeder Hinsicht, es ist aber auch ein Ort, der eine Art Brutalität verbirgt. Etwas Gewaltsames und etwas Unterschwelliges, das an etwas erinnert, das man unter Naturvölkern und Stammesgemeinschaften findet. Es herrscht eine Mystik auf der Insel, und ein Geist, der irgendwie Zeiten und Orte in einer Art Freistatt oder Knotenpunkt zusammenbinden.“ Die Zeit steht fast still, wenn Kristian von seiner Musik und seinem Verhältnis zu Bornholm erzählt, aber bald muss ich feststellen, dass mein schwarzes Jeans in der heiẞen Sommersonne dem Brennpunkt nahe ist. Wir stehen auf und finden eine andere Bank unter einem schattigen Himmel aus hellgrünen Blättern. Kristian zündet die erste von einer Reihe seiner roten „Kings“- Zigaretten an, und holt einen Stapel gelber „Post-it’s“ mit Noten aus schwarzer Tusche aus der Brusttasche hervor. Wohl vorbereitet und wohl bedacht. Auf dem ersten Zettelchen steht mit groẞen Buchstaben in Anführungszeichen „Der Bornholmer“. Als junger Musiker als „Der Bornholmer“ bekannt zu sein, war ein fast unumgängliches Prädikat, und wenn Kristian darüber nachdenkt, welche Bedeutung der Bornholmer Hintergrund für ihn gehabt hat, klingt die Antwort: – „Also, ich habe mich aufgrund meiner Bornholmer

Herkunft immer wohl gefühlt. Ich habe mich auch immer sehr viel mit dem Meer verbunden gefühlt. Vielleicht weil ich während meiner Kindheit immer von Wasser umgeben war“.

Kristian holt ein neues gelbes Zettelchen hervor, worauf steht “Bornholm liegt am Meer“. Er sagt, dass seine Verbindung zum Meer von etwas Tieferem handelt. Es ist ein Ort, wo er Ruhe findet – und am liebsten allein. – „Für andere kann es natürlich schwer sein zu verstehen, dass ich fast täglich und am liebsten allein einfach nur gern runter ans Meer will. Es ist auch deshalb, dass ich so gerne hier auf Østerbro lebe. Es ist nicht weit vom Wasser entfernt“.

Die Dachwohnung in der Øster Farimagsgade, in der er heute wohnt, ist auch auf einem gelben Zettelchen erwähnt: „Wie ein Boot, wie eine Kajüte, mit so einem kann man um die Welt segeln.“ Für ihn ist die Wohnung ein Freiraum für Kontemplation, Fantasie und Erforschung der Gedankenwelt. Und das ist genau der Eindruck, den ich von Kristian Finne Kristensen bekomme. „Schnell auf die Schnelle“ oder „Rockstar Attitude“ gibt es hier nicht. Ich spreche mit einem Künstler, der erforscht und sich selbst in sein künstlerisches Projekt investiert mit einem fast autistischen Beharren darauf alle Aspekte zu durchdenken.

Der Weg vom Elternhaus, in der Nähe von Almegaards Kaserne in Knudsker bei Rønne, zum Musikkonservatorium in Kopenhagen und einem Leben als Musiker in den USA fing an, als er mit 16 Jahren das Musikwettbewerb „DM in Rock“ mit der Band „Softporn“ gewann und allein von Rønne nach Kopenhagen zog. Kristian zog von der Felseninsel in eine dunkle Kellerwohnung in Husum. Er beschreibt die Zeit in Kopenhagen als ziemlich „rock n‘ roll“: – „Damals war viel los. Wir wollten einfach raus, wild leben, wir hatten groẞe Träume und groẞe Ambitionen“, sagt er. Bald gab es einen internationalen Plattenvertrag und die Band änderte den Namen von „Softporn“ in „The River Phoenix“.

Wenn er zurückdenkt fällt ihm auf, wie jung und wohl eigentlich auch verletzlich er war: – „Ich weiẞ noch, dass ich so eine rote Lampe, ein Nachtlicht, hatte, weiẞt du, so eine runde Lampe, so dass es nachts nicht ganz dunkel wird. Die hatte ich mit nach Kopenhagen gebracht. Ich glaube, das sanfte Licht gab mir die Geborgenheit, die ich vom Kinderzimmer kannte. Plötzlich war ich ja recht allein und eigentlich sehr jung und unerfahren“.

Seine musikalische Entwicklung von damals bis heute umfasst unter anderem drei Veröffentlichungen unter dem Künstlernamen „Chorus Grant“, zwei Alben mit dem Duo „Cancer“ und dem Hit „Echo Valley“ aus „The River Phoenix“- Album „Ritual“, der als das erste Musikstück den Klassiker „Bornholm, Bornholm, Bornholm“ ablöste, und aus den Lautsprechern drang, wenn die Fähre in Rønne anlegte.

Aber woher stammen eigentlich die Musikalität und der künstlerische Eifer? Kristian sagt, dass das Elternhaus nicht eigentlich „ein Heim voller Musik“ war, aber dass sein Vater, als er jung war, Bassist in der Bornholmer Band „The Vanguards“ war. Diese Band war mit ihrer Rock- und Beat Musik á la „The Cliffters“ Mitte der sechziger Jahre sehr beliebt. – „Es dauerte wahrscheinlich nur ein paar Jahre, dann übernahm Arbeit, Kinder und das Leben, aber einige der besten Momente mit meinem Vater waren, wenn wir über diese Zeit sprachen, und es eine Gemeinschaft über Musik gab“. Das Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und dem Alleinsein – wie mit sich selbst zu summen und gleichzeitig den Sound mit anderen zu teilen – scheint ein zentrales Thema in der Entstehung des Albums „Underbelly“ zu sein. Obwohl die Teenagerjahre auf Bornholm weit zurückliegen, ist es dennoch eine Zeit, die immer noch spürbar ist und bis heute ihre Fäden zieht. Er erlebte es, als er während der ersten Corona-Welle allein von seinem Ferienhaus-Exil in Store Lyngby Skov zum nächsten Lebensmittelgeschäft fuhr, und plötzlich genau die Freude und den Enthusiasmus spürte, die er als Teenager auf Bornholm kannte. – „Ich war alleine im Auto und dachte plötzlich: Warum zum Teufel bin ich so froh? Ich hatte das gleiche Gefühl, wie damals als ich ein Teenager

war und auf Bornholm herumfuhr. Allein, mit Zeit und Platz für Gedanken, völlig eingehüllt in Natur und freien Stunden um einem Gedankengang hinab in ein Wurmloch zu folgen“.

Die gelben Zettelchen aus der Brusttasche sind fast aufgebraucht. Es bleibt nur eines mit dem Text “Etwas Auẞergewöhnliches“, das vielleicht auf die Auseinandersetzung mit gesummten Melodien verweisen könnte, die im Album „Underbelly“ symphonisch mit klassischer Gitarre, Orgeln und echten Tonaufnahmen zusammenflieẞen. Der Junge aus Knudsker, der als ganz junger Mensch mit der Musik über die Ostsee ging, ist nicht nur erwachsen geworden, sondern auch mutig: – „Ich habe mich immer darauf konzentriert, dass dieses ein unprätentiöses Projekt ist. Statt es mit Worten und lyrischen Texten über Gefühle auf den Kopf zu stellen, lasse ich die Musik bestimmen und das Unausgesprochene sprechen“.

Wir haben unseren Kaffee längst ausgetrunken und finden den Weg aus der ruhigen Parkanlage von Østre Anlæg, zurück in den brummenden Verkehr der Stadt, ehe wir uns verabschieden. Ich habe das Gefühl, wir hätten das Gespräch über Musik, Vertiefung und Bornholm bis weit in den Abend hinein fortsetzen können. Kristian Finne Kristensen hat wirklich etwas auf dem Herzen, eine besondere Erkenntnis, die er zu vermitteln wünscht. Meine Gedanken tun sich schwer, das Gespräch loszulassen. Wie sehr haben die Geräusche am Meer, von dem Kristian in seiner Kindheit umgeben war, seine Musik geprägt? Ruft das Summen das gleiche Freiheitsgefühl hervor, das er als Teenager erlebte, weil die Töne aus seinem Inneren in einem spontanen, musikalischen Flow auftauchen wie die Erkenntnisse in den ungestörten Gedanken Strömen in seiner Jugend? Ist sich jemand von uns überhaupt bewusst, welche Wirkung die Kakophonie des Alltags auf uns hat? Ich schalte den Lärm der Stadt aus und lasse „Underbelly“ in meinen Earpods spielen, während ich nach Hause fahre.


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