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Das Geschenk der Bronzezeit an die Nachwelt.

TEKST: SARA B. GILDBERG FOTO: ANDERS BEIER

Sonnenuntergang auf dem nördlichsten Teil von Bornholm. So wie man auf einem nackten Felsen dasteht und über die Landschaft hinaus bis zum Meer blickt, ist es nicht schwierig sich vorzustellen, dass genau dieser Anblick bei den Menschen der Bronzezeit eine ähnliche Bewunderung und eine innere Ruhe hervorgerufen hat. Auf derselben Insel, auf denselben Felsen und mit derselben Aussicht haben Menschen durch Tausende von Jahren die Sonne betrachtet, wenn diese sich in einer Flut von rot-goldenen Farben müde in die Ostsee senkt.

Wir befinden uns auf dem nördlichsten Teil von Bornholm, auf „Madsebakke“ in Allinge. Das Gebiet besteht aus „Lille-“ und „Store Madsebakke“, und hier – auf „Lille Madsebakke“ – findet man das gröẞte Felsritzungsfeld des Nordens. Gut erhalten, akkurat in Steinflächen geritzt, dort wo die Humusschicht des Bodens sich öffnet und der Felsgrund hervorbricht. Ein Zeugnis von einer vergangenen Zeit, wo ganz einfache Bilder von Pferden, Schalen (Schalenzeichen), Radkreuzen, Fuẞspuren und Schiffen zusammen eine lebendige Erzählung von der Bedeutung der Sonne für alles Leben im Universum der damaligen Menschen ausgemacht haben.

Auf dem Gebiet „Hammersholm“, das sich vom Hof gleich nördlich von „Hammershus“ und weiter über die Felder bis zu dem unter Naturschutz stehenden „Madsebakke“ erstreckt, befindet sich ein Reichtum an Felsritzungen auf mehreren der groẞen Felsstücke des Gebiets. Aus historischen Quellen wissen wir, dass es früher auch Felsritzungen auf „Store Madsebakke“ gab, dass sie aber Ende des 19. Jahrhunderts leider weggesprengt wurden, da man im Gebiet Steine gebrochen hat. Dass die Felsritzungen auf „Lille Madsebakke“ überlebt haben, hängt allein damit zusammen, dass der Felsen hier von weit geringerer Qualität ist, und deshalb nicht einen ähnlichen Gebrauchswert gehabt hat.

Die Bedeutung der Felsritzungen

Eine Felsritzung ist die archäologische Bezeichnung für Bilder von Menschen, Tieren und Symbolen, die in Felsflächen oder in freistehende Steine eingeritzt sind. Der Archäologe Michael S. Thorsen an Bornholms Museum erzählt: „Die Felsritzungen sind ein Ausdruck für die Religion und das Weltbild der damaligen Zeit. Sie können aber auch eine eher irdische Bedeutung mit einem sowohl friedlichen als kriegerischen Zweck gehabt haben. Einige meinen, dass sie auch als eine Art Kalender funktioniert haben, der die verschiedenen Jahreszeiten im Verhältnis zur Stellung der Sonne angekündigt haben.“

Wir haben also noch nicht das volle Verständnis dessen, was die genaue Bedeutung der einzelnen Symbole gewesen sind, es ist aber vielsagend, dass viele Segelrichtungen und Speichen in Radkreuzen oft gegen den Auf- und Untergang der Sonne an den besonderen Tagen des Jahres gerichtet sind.

„Felsritzungsfelder mit Schiffen gibt es fast ausschlieẞlich auf Nordbornholm“, erzählt Michael S. Thorsen, „Gleichzeitig sehen wir, dass die Menschen der Bronzezeit mehrmals Figuren in die Felsritzungsfelder eingeritzt haben. Deswegen kann man nicht zurückweisen, dass sowohl das Gebiet als auch die Felsritzungen Teil von wiederkehrenden rituellen Handlungen gewesen sind“.

Man meint auch, dass die Felsritzungen eine Indikation sind, dass man in der Bronzezeit mit u.a. dem südöstlichen Schonen Kontakt gehabt hat, wo man entsprechende groẞe Felder mit ähnlichen Figuren gefunden hat. Zusammen mit Fundstücken von besonderen Gegenständen aus Bronze in den Gebieten zeugen sie von einer regen kulturellen Gemeinschaft zwischen der Bevölkerung auf Bornholm und der Bevölkerung im südöstlichen Schonen.

Gehen Sie selber auf Entdeckungsreise

Die Archäologen finden immer noch neue Felsritzungen im Gebiet „Madsebakke“. Michael S. Thorsen hat in den letzten Jahren u.a. zusammen mit seiner Familie ganz neue Fundstücke freigelegt. Noch im Februar 2020 tauchte ein neues Felsritzungsfeld mit 18 Schiffen auf. Zusammen mit einem naheliegenden Feld auf demselben Felsenhügel, das 2017 gefunden wurde, erreicht die Anzahl der Schiffe jetzt 37, und damit ist die Felsenritzungsflotte bei Allinge die gröẞte in Dänemark. Und vielleicht birgt das Gebiet noch mehr Felsritzungen, sorgfältig in die Felsen eingeritzt, wie eine Erzählung ohne Worte.

Nach Michael S. Thorsen ist es zu empfehlen in der Dämmerung, oder sogar wenn es dunkel ist, mit einer Lampe nach „Madsebakke“ hinzugehen. Das schafft eine ganz besondere Möglichkeit dafür, die Felsen in einer Weise zu beleuchten, so dass man vielleicht mehr als bei Tageslicht sehen kann. Spannend kann es auch sein, groẞe Papierbögen und Kohlepapier mitzubringen – wie ein richtiger Archäologe – um sich eine Zeichnung von den Felsritzungen zu machen. Man legt den normalen Papierbogen über die Felsritzung, wickelt Kohlepapier um einen hart ausgewrungenen Lappen, der über den Papierbogen gerieben wird. In der Weise wird die Zeichnung nachher deutlich auf dem Papierbogen zu sehen sein, und damit kann man sein eigenes unikales Souvenir machen.

Die Magie des Gebiets

Im Gebiet ist ein Zusammenhang geschaffen worden durch die Errichtung von Aussichtsplattformen und einem System von Wanderwegen, die sich über mehrere Hektare erstrecken – von „Lille Madsebakke“ bis zu „Hammershus“. Ein Spaziergang im Gebiet bietet einmalige Aussichten und eine fantastische Natur, wenn man zwischen Felsen und stillgelegten Steinbrüchen geht. Rechnen Sie aber viel Zeit für den Besuch, denn man versenkt sich leicht in die vielen Eindrücke; denn ein Weg leitet dorthin, ein anderer Weg zu etwas anderem in einer fast grenzenlosen Landschaft.

An einem warmen Tag mit Sonnenschein stehen die korngelben Ähren der umliegenden Felder in scharfem Kontrast zum Licht des Wassers und zum blauen Himmel, wo die Wolken faul dahintreiben. Die Felsritzungen können sich leicht auf den Oberflächen der Steine verstecken, abhängig davon wie Licht und Schatten fallen. Was man vielleicht zu einem Zeitpunkt des Tages sieht, ist zu einem anderen Zeitpunkt nicht zu sehen. Auf dem Ort herumzugehen ist aber ein Erlebnis für alle Sinne. Probieren Sie z.B. auf der warmen Erde zu liegen, auf dem Rücken, mit den Armen zur Seite. Mit geschlossenen Augen kann man fast die Energie spüren, die in dem Ort steckt. Die Gedanken segeln mit den Schiffen hinaus, und die Pferde der Vorzeit tanzen in der Phantasie. Auf „Lille Madsebakke“ spürt man immer noch die Magie, heute 2500 bis 3000 Jahre nachdem die ersten Schiffe in den Felsgrund Bornholms eingeritzt worden sind.

Vielleicht hat alles auch so angefangen. Dass jemand damals dasselbe Gefühl gehabt hat, dass der Ort etwas Besonderes hat; das Gefühl da zu sein, eins mit der Natur, dort zwischen Himmel, Erde und Wasser.

Die Felsritzungen sind das besondere Geschenk der Bronzezeit-Menschen an die Nachwelt. Eine Erinnerung daran, dass vor Tausenden von Jahren ihre Herzen hier schlugen, dass ihre Augen das sahen, was wir heute sehen, und dass ihre Seele von Erzählungen genährt wurde, genau wie unsere.

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