TEXT: MADS WESTERMANN FOTO: ANDERS BEIER
In Almindingen liegt Store Rævegænge wie ein schmales, fast unbekanntes Tal. Eine vergessene Welt, ein kleines Stück Bornholms Urwald, das seit der Eiszeit vor 15.000 Jahren weitgehend unberührt geblieben ist.
Es ist eine Reise in einen Mikrokosmos aus fleischfressenden Pflanzen, tückischen Hängesäcken, Preiselbeeren, Heidelbeeren, Pilzen und weichem, samtigem Moos. Eine Oase, in der die Stille nur vom Rauschen des Windes in den Bäumen, dem Plätschern des Wassers, dem rauen Schrei der Raben und dem Geräusch der eigenen Schritte im feuchten Moos unterbrochen wird. Ein Stück Natur, das eher an Mattisskoven als an Almindingen erinnert.
Es gibt keine Schilder oder Pfeile, die in das gut versteckte Tal weisen, und man muss genau hinsehen, um den Eingang zu entdecken.
Es beginnt am kleinen Waldsee Kohullet, der einem schwarzen, tintenschwarzen Spiegel gleicht. Er ist eines der höchstgelegenen Feuchtgebiete Bornholms und wird von reinstem, weichem Regenwasser gespeist. Der See liegt in einer Senke im Granitgestein, und da er ausschließlich von Regen gespeist wird, ist sein Wasser arm an Kalzium und Nährstoffen. Dies bietet ideale Bedingungen für Pflanzen, die sich an das Leben ohne die Nährstoffe angepasst haben, auf die die meisten anderen Arten angewiesen sind.
Ein schmaler Pfad schlängelt sich am Ost- und Nordufer des Kohullet entlang.
Versteckt zwischen den schwimmenden Kegeln am Ufer befindet sich Kohullets größte Attraktion: der Schwimmkegel. Diese seltene Pflanze mit fadenförmigen Blättern und kleinen weißen Blütenknospen treibt frei im Wasser. Sie kommt fast nirgendwo sonst auf Bornholm vor. Am Ufer wächst auch der Strauch Durst, dessen charakteristische rote Rinde und schwarzen Beeren im dunklen Wasser leuchten. Und in dem feuchten, hängenden Sack aus Torfmoos, auf den man nicht treten sollte, ragt die fleischfressende Pflanze, der Rundblättrige Sonnentau, hoch über den Boden und fängt Insekten mit ihren klebrigen roten Tentakeln, die sie langsam verdaut, um den nährstoffarmen Boden auszugleichen.
Der Pfad folgt dem Ufer, bis er eine scharfe Rechtskurve macht. Hier verlässt er Kohullet, und die Atmosphäre verändert sich. Die Geräusche der Zivilisation, die Autos auf der Straße durch Almindingen und die fernen Stimmen verstummen. Der Pfad führt in ein Grabenbruchtal, eine Kathedrale aus Tannen und Granit.
Bornholm besitzt über 200 kleine und große Grabenbrüche, entstanden durch Verwerfungen im Grundgestein und geformt von den Gletschern der Eiszeiten. Store Rævegænge ist einzigartig.
Wo die steilen Felswände des Ekkodalen auf eine flache Wiese treffen, herrscht in Store Rævegænge geologisches Chaos. Riesige Granitblöcke liegen uneben auf dem Talboden, als wären sie von Riesen hineingeworfen worden und ruhten nun.
Das Gelände ist hügelig mit den charakteristischen Schellfischen, runden Felsspitzen, die der Landschaft rund um das Tal ein wellenförmiges Profil verleihen. Im Sommer schließen sich die Baumkronen wie ein dichtes, grünes Dach und filtern das Tageslicht in die sanfte Sommerdunkelheit. Nur tanzende Sonnenstrahlen dringen hindurch und treffen auf die grünen Farne. Es ist ein feuchter Dschungel, wo das Eis den Felsuntergrund freigelegt und steile Klippen und Geröllhalden hinterlassen hat, den sich die Flora nun langsam zurückerobert.
Wer genau hinsieht, entdeckt, dass das Tal weich gepolstert ist. Es ist kein gewöhnlicher Boden, auf dem man geht. Es ist ein dicker, lebendiger Teppich. Der harte, raue Granit ist von tiefen Moospolstern umhüllt, in die man einsinkt. Manchmal lautlos, manchmal mit einem hörbaren Rascheln, denn das Moos speichert Wasser und ist klatschnass. Selbst mitten im Sommer sind Teile des Tals so nass, dass man einen Schuh damit füllen kann.
Store Rævegånge ist ein Paradies für Moosliebhaber. Frauenhaarmoos bildet dichte Büschel, und im Sommer schießen lange Sporenkörper empor, die kleinen, goldenen Perücken ähneln. Sternmoos gleicht einem Teppich aus kleinen, grünen Weihnachtssternen auf dem Waldboden, und
das silbergrüne Polstermoos, für das man zur Weihnachtszeit im Blumenladen ein Vermögen ausgibt, wächst überall wild.
Die Natur hier ist wunderschön, aber auch tückisch. Unter der idyllischen Oberfläche lauert die Gefahr in Form eines hängenden Sacks. Es ist schwankendes Torfmoos, das über den sumpfigen Wasserlöchern wächst. Das Moos sieht fest aus, ist aber nicht tragfähig. Tritt man darauf, sinkt man tief in den bodenlosen Moorgrund ein. Schmale Stege aus Holz und Holzspänen führen über die feuchtesten Stellen, und es ist ratsam, auf ihnen zu bleiben.
In der Sommerhitze liegt ein schwerer Geruch nach Erde und Verwesung über den tiefer gelegenen Gebieten, während saure Sumpfgase aus dem Morast aufsteigen. Hier, in den dunklen, tintenschwarzen Tümpeln, lauert der Tod im Kleinen. Der fleischfressende Wasserschlauch treibt wurzellos im Wasser. Obwohl er über der Wasseroberfläche mit unschuldigen gelben Blüten blüht, sind seine Unterwasserblätter mit kleinen Fangblasen besetzt, die als effektive Fallen dienen. Mit blitzschnellem Unterdruck saugt er Wasserflöhe und Insekten ein, bis diese sich langsam auflösen. So kann er sich aus dem ansonsten nährstoffarmen Wasser ernähren.
Der Spaziergang durch Store Rævegånge ist nur etwa 500 Meter lang, erfordert aber auf den rutschigen Wegen, die oft mit nassem Laub oder Algen bedeckt sind, etwas Gleichgewicht. Belohnt wird man mit einem einzigartigen Naturerlebnis, und je nach Jahreszeit kann man sich Abendessen oder Nachtisch mit nach Hause nehmen.
Die Waldspeisekammer ist gut gefüllt, besonders im Herbst. Unter den Birken wachsen große Bestände des Birkenrohrschorfs, eines begehrten Speisepilzes. Er ähnelt sehr seinem nahen und bekannten Verwandten, der essbaren Preiselbeere. Mit etwas Glück findet man ihn auch versteckt im Moos.
Im Hochsommer leuchten die Beeren im Dickicht am Wegesrand. Hier wachsen sowohl süße Heidelbeeren als auch herbe, rote Preiselbeeren. Die Preiselbeeren bergen eine kleine Geschichte über gescheitertes Naturschutzprojekt.
1926 wurden 3.000 Preiselbeersträucher aus den Wäldern um Silkeborg importiert und in Almindingen angepflanzt. Ziel war es, eine Nahrungsquelle für den großen Gimpel zu schaffen, den man auf Bornholm wiederansiedeln wollte. Das Projekt scheiterte. Der Gimpel konnte sich auf der Insel nie richtig etablieren und verschwand nach einigen Jahrzehnten wieder. Doch die Nachkommen der Preiselbeerpflanzen aus Mitteljütland gedeihen noch immer prächtig und tragen jeden Spätsommer Früchte.
So plötzlich, wie alles begann, endet der Grabenbruch. Die Felsen weichen zurück, die Baumkronen öffnen sich, und Tageslicht strömt herein. Vor ihnen liegt der Waldsee Puggakullekær, glänzend und still, umgeben von Birken und Schilf.
Wie der Kohullet-See wird er mit Regenwasser gefüllt, das aus der umliegenden Landschaft abfließt. Und da der Puggakullekær tiefer liegt, dient er als Überlauf des Kohullet-Sees. Es ist das Wasser, das von einem See zum anderen sickert und die einzigartige Pflanzenwelt des Tals nährt. Wenn der Puggakullekær voll ist, fließt das Wasser nach Südosten, durch das Fledermaustal nach Åremyr, dann entlang kleiner Bäche nach Læså, das bei Boderne an der Südwestküste in die Ostsee mündet. Das gesamte Wasser, das gerade fleischfressende Pflanzen und bodenloses Moos passiert hat, fließt schließlich still ins Meer.
Der Ursprung des ungewöhnlichen Namens Puggakullekær ist in Vergessenheit geraten, doch das Wort taucht immer wieder auf, wenn sich Bornholmer Sprachbegeisterte treffen. Ein Blick ins Bornholmer Wörterbuch legt nahe, dass es sich um eine Kontraktion von „pugga“, dem Bornholmer Wort für Frosch, „kujlla“, einem kleinen runden Hügel, und „kær“, einem Moorloch oder sumpfigen Buschwald, handelt. Puggakullekær bedeutet demnach See am Froschhügel. Und an stillen Abenden kann man die Frösche noch immer dort quaken hören.
Der Schotterweg nach Rokkestenen ist nur wenige Schritte entfernt. Dahinter erstreckt sich eine unberührte Welt aus Moos und Felsen, in der der Mensch nur Gast ist. Der Duft von Moos und das samtweiche Gefühl des Mooses begleiten einen noch eine Weile. Fünfhundert Meter Spaltental, und doch eine völlig andere Welt.